Identität(en)

Immer wieder im Leben stellen sich Millionen, nein Milliarden Menschen die Frage, wer sie eigentlich sind, wer sie gern wären und wie sie so werden, wie sie gerne wären. Doch warum? Warum machen wir so viele Klimmzüge, um ein „Ich“ zu definieren? Evolutionär und auf den Überlebenswillen runtergebrochen, ist es völliger Blödsinn, da es uns oft mehr an etwas hindert, als es nützt. Ist das wirklich so?

Jeder hat mindestens eine davon, viele deutlich mehr!

Es ist immer wieder spannend, mit unterschiedlichen Leuten unterwegs zu sein, in fremden Städten, Ländern oder Kulturen zu kursieren. Man lernt viele neue Umgangsformen, manchmal ungewöhnliche, fremdartig wirkende Grußformeln oder Verhaltensweisen kennen. Doch warum wirken sie fremdartig auf uns? Wir identifizieren uns nicht damit. Doch warum? Es ist gut und der Gesellschaft (in Maßen) förderlich, dass nicht jeder gleich ist, viele aber gleiche oder zumindest ähnliche Bedürfnisse haben. Im Minimum bei den Grundbedürfnissen treffen sich alle auf einem Nenner. Auch wenn es unterschiedliche Ansprüche daran gibt – essen, trinken, schlafen z.B. sind bei uns fest verankert und jeder hat sie. Gut mittlerweile kommen noch Allergien, Unverträglichkeiten und Ähnliches dazu – aber im Grunde sind wir was sowas angeht alle gleich.

Trotzdem sind wir in unseren Überzeugungen, Glaubenssätzen und Wunschvorstellungen alle von grundauf verschieden. Der eine möchte lieber in der Stadt wohnen, der nächste lieber weit draußen auf dem Land, man kann Partylöwe sein oder eher der entspannte Typ – oder irgendwas dazwischen. Doch wer sagt uns, was für uns das Richtige ist? Kann uns das jemand sagen? Ich sage: Nein! Die Erfahrungen, Erfolge, Misserfolge und die Gefühle, die man in einzelnen Momenten hat, kann uns keiner vorleben, das ist hochindividuell und sehr stark durch unser Umfeld und unsere Vergangenheit, die gemachten Erfahrungen und vermittelten Glaubenssätze beeinflusst werden. Dennoch bleibt es hoch individuell.

Du bist nicht nur was du isst

Manche Werbeslogans brechen uns auf Kleinigkeiten herunter. „Du bist was du isst“ oder „Wo wir sind ist vorne“ implizieren, dass sich etwas an unserer Identität ändert, wenn wir bestimmte Produkte essen, kaufen oder nutzen. Klar kann man eine Vorliebe für Burger, schnelle, große oder kleine und wendige Autos haben – doch ob das so tief in unser Bewusstsein eingreift, wer wir sind, was uns definiert… ich weiß ja nicht.

Wir lassen uns an vielen Stellen zu sehr auf eine Funktion, eine Rolle oder eine Vorliebe reduzieren. Durch Mitmenschen, unser Umfeld, stark beeinflussende oder polarisierende Unternehmen, Meinungen. Dem können wir nur mit einer klaren Position, einem gefestigten Standing entgegenwirken. Wie kommt man dahin? „Hör auf Dein Herz“ ist da meines Erachtens gar nicht so falsch. Sei Du selbst, definiere Dich nicht über Andere. Sicherlich muss man hier und da durch die Wegplanken der Gesellschaft leiten lassen, aber wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke. Also stell Dir die Frage, ob Du lieber auf der Strecke bleiben möchtest, oder mal hier und da vom Weg abkommen magst, um Dein Ziel zu erreichen – oder einfach nur einen angenehmeren Weg zu finden.

Tu das, wozu Du Lust hast, weniger davon, was Dich belastet und nichts was Dich zurückwirft!

Ich habe wen kennengelernt, der sich so stark mit dem Rauchen identifiziert, dass derjenige es als Teil seiner Persönlichkeit ansieht. Das finde ich schwierig. Und ich frage mich…wo ist da die wirkliche Persönlichkeit? Auch schon in Rauch aufgegangen? Ich denke, hier machen wir uns ggf. selbst zu Schreibern plakativer mentaler Slogans, was gut sein kann und die Persönlichkeit und den Charakter stärken kann – aber sorry, ich glaube kaum, dass ein Glimmstängel den Charakter so stark beeinflussen kann, dass er fester Bestandteil der Persönlichkeit wird. Es gibt dafür einen anderen Begriff: Die Sucht. Aber abgesehen von solchen Faktoren gibt es so viel, das aus dem „einfachen Kollegen“ z.B. einen Partylöwen oder guten Zuhörer machen kann, aus dem Freund auch ein guter Architekt oder Elektriker wird, wenn wir ihn mit anderen Augen betrachten. Ich habe irgendwann festgestellt, dass mein Vater beruflich einige bemerkenswerte Schritte geschafft hat, während und nachdem er bereits in meinen Augen ein guter Vater war, noch bevor ich es in Worte fassen konnte, wusste ich, dass ich eine gute Mutter habe, noch bevor ich sie jemals gesehen habe, habe ich mich auf meine kleine Schwester gefreut, die mittlerweile immer wieder gute Zuhörerin, eine liebevolle Schwester und kompetente Krankenschwester geworden ist.

Nie aufhören zu hinterfragen

Wir neigen dazu, einen Zielzustand, ein „fertig“ anzustreben. Wie im Haushalt, im Garten oder bei anderen Hobbys ist man mit dem Charakter oder der Identität einer Persönlichkeit nie „fertig“. Di Identität bildet sich immer wieder in unterschiedlichen Lebensphasen neu, deshalb ist es umso wichtiger, sich selbst immer wieder zu fragen, wer man ist, wer man sein möchte und zu reflektieren, ob man tatsächlich der- oder diejenige ist, der oder die man gern wäre. Um dann wieder dran zu feilen, bis sich wieder andere Umstände ergeben. Bitte, bitte – hört nie auf, euch zu das zu fragen, denn daran wächst man – allerdings auch nur, wenn es nicht zu oft passiert.

Morgens beim Frühstück sollte man schließlich auch keine Identitätskrise bekommen, wenn man statt Nutella mal Erdbeermarmelade isst und mit seiner Nutella-Identität nicht in eine Krise schlittern. Ihr wisst, was ich meine. Seid ihr selbst, das könnt ihr jeweils am Besten!

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