Zur Digitalisierung gezwungen

Die letzten Monate bis Jahre haben viele Branchen, Individuen, vielleicht ganze Länder oder Kontinente zur Digitalisierung gezwungen. Teils wurden angefangene Konzepte endlich in die Tat umgesetzt, meist wurde aber leider mit heißer Nadel „digitalisiert“. Mit dem, was grade da war, ohne Konzept, ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Ein Statement zur erzwungenen Digitalisierung aus Sicht eines Digitalisierers.

Die Welt vor 2020

Schauen wir einmal zurück. Zurück zu Zeiten, in denen es normal war, sich im Café nebenan auf einen Kaffee hinzusetzen, für die meisten Einkäufe in Geschäfte zu gehen und anderen Menschen mit einem Lächeln zu begegnen.

Durch Irrsinnigkeiten, wie die Kassenbonpflicht beim Bäcker, der Bürokratie bei vielen behördlichen Themen und dem Verständnis, dass es einfacher ist, so weiter zu machen, wie bisher – weil man darin ja routiniert ist, bevor man sich neuen Wegen zuwendet, waren viele vorherige Jahre geprägt. Ja es hat funktioniert. Ja? Naja irgendwie schon. Aber nicht „smooth“, wie es neudeutsch heißt. Man hat lieber alte, ausgetretene Wege genommen, statt sich neuen Pfaden zu widmen, die vielleicht erst erschlossen werden wollen, aber ggf. kürzer und effizienter sind. Oder welche, die gar ganz neue Möglichkeiten, neue Geschäftsfelder und Chancen mit sich bringen.

Klar, bei manchen Themen oder ganzen Branchen mag der Effekt der Digitalisierung marginal scheinen, dennoch sind selbst die kleinsten Verbesserungen Schritte nach vorn. Als Beispiel dafür bin ich zwar ein Freund der Möglichkeit, digitaler Zahlungsmittel, dennoch gibt es Bereiche, in denen – vor allem aktuell – kleinere Summen schneller in bar gezahlt sind, bevor das Smartphone aufgrund der mittlerweile im Alltag völlig selbstverständlichen Maske dreimal bei der Gesichtserkennung scheitert oder man für Zahlung per Fingerabdruck am Smartphone die Handschuhe am kalten Wintertag ausziehen muss. Der Frisör wird auch in einigen Jahren noch händisch Haare schneiden und färben, Bestatter noch in Jahren Menschen zur Ruhe in die letzte Grube legen. Doch es gibt so viele andere Bereiche, die davon profitieren können, konnten – und wenn sie flexibel genug waren, auch schon profitiert haben.

Die Welt wandelt sich – weil sie es muss

Jahre lang gab es schon Möglichkeiten, digitaler zu arbeiten als es die meisten Unternehmen, Behörden oder der Einzelhandel gelebt haben. Doch plötzlich wurde es notwendig, sich durch die rapide verbreitete Pandemie und staatlich auferlegten Regularien mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Auch wenn Digitalisierer das schon lange predigen, wurde der Wettbewerbsvorteil von Unternehmen mit digitalen Prozessen und digitalem Lifestyle von heute auf morgen erheblich größer. Ein Schub, der eigentlich ein Schubs war. Ohne die Notwendigkeit hätten die meisten Unternehmen ihren Alltagstrott – ob effizient oder nicht – so weitergelebt. Aber warum ist das so? Warum haben Menschen – und von Menschen geführte Unternehmen so eine Angst vor Veränderung? Ganz einfach: Gewohntes kennt man, Ungewohntes nicht. Wenn ich seit Jahren weiß, dass ein bestimmtes Prinzip funktioniert, kann ich mich drauf verlassen, ich gewinne Sicherheit im Alltag. Doch grade Deutschland lebt eine Sicherheitsmentalität, wie kaum ein anderes Land. Im Jahr 2020 ist allein die Sparquote in Deutschland nach Berechnungen der DZB auf 7,1 Billionen Euro gewachsen. Das sind nochmal 5,9% im Vergleich zum Vorjahr und vermutlich auch auf die flächendeckenden Schließungen des Einzelhandels zurückzuführen, dennoch ist enorm, wie viel in Deutschland unterm Kopfkissen oder auf Banken zur Sicherheit zurückgelegt wird. Dahingegen herrscht in den USA beispielsweise nach wie vor eine Leben-auf-Pump-Kultur, bei der 2019 die Verschuldung der Privathaushalte auf 13,67 Billionen USD anwuchs. 2003 lag diese noch bei ca. 7 Billionen USD. Im Trend weiterhin steigend. (Quelle: New York Fed & Deutsche Bank)

Lücke im Lebenslauf? Erklären Sie, welche Erfahrungen Sie sammeln konnten!

Vor einigen Jahren war es völlig undenkbar, Lücken im Lebenslauf bei einer Bewerbung zu haben, auch wenn man sich einfach nur gesagt hat, man möchte neue Sprachen, einen anderen Kontinent oder einen anderen Lifestyle ausprobieren, also eigentlich das tun, was jeder Unternehmer schätzen sollte: Eine Persönlichkeit, mit dem Eigenantrieb den Horizont zu erweitern. Klar, wenn Lücken im Lebenslauf unerklärlich sind und die einzige Aussage lautet „ich war zuhause“, ist dem sicher nicht so – aber die Sichtweise auf viele Themen hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert.

Fallen mir in Bewerbungen Lücken oder Besonderheiten auf, kann ich eine erste damit verbundene negative Empfindung nicht unterdrücken, auch wenn es für mich heißt, dass jemand etwas abseits der Norm lebt – und somit gute, wertvolle Impulse einbringen kann. Oder – bei den Sofasitzerkandidaten in Trotz und wenig Innovation enden kann. Ich halte viel von unserem Sozialsystem im Vergleich zu vielen anderen Ländern, nicht aber von der teils mittlerweile eingeschlichenen Faulheit á la „der Staat rettet das schon“. Aus dem Grund gebe ich gerne Chancen, möchte als Gegenleistung aber auch das Ergreifen dieser erleben. Sicher habe ich Verständnis für schwierige Situationen im Umfeld, der Vergangenheit Einzelner, dennoch bedeutet Chancen geben gleichermaßen auch ein Commitment, dass der gereichte Strohhalm auch ergriffen wird.

Veränderung als Chance

Veränderungen sind meist etwas Gutes, allerdings schwingt auch eine latente Angst mit, dass eine Neuerung ein Risiko mitbringt, was gegebenenfalls die omnipräsente Chance, ein Vorreiter zu sein, im Keim erstickt. Veränderungsmanagement ist nicht ohne Grund ein weit gefächertes Gebiet, was Unternehmen, wie auch Personen in ihrer Entwicklung beflügeln und eben diese Angst vor Neuem in Energie für Neuerungen wandeln soll.

Ganz vom Image des Gewohnheitstiers freimachen können sich Viele vermutlich nicht. Das ist aber nicht schlimm, sondern kann andersrum auch eine Beständigkeit und Festhalten an im Leben erworbenen Werte und Einstellungen bedeuten. Nichtsdestotrotz hilft es ungemein, sich zwischendurch immer wieder davon freizumachen, neue Wege zu gehen und frische Luft zu atmen.

Chancen bergen immer auch Risiken. Die Frage ist nicht, ob etwas eher eine Chance oder ein Risiko ist, sondern was wir draus machen. Natürlich ist der Sturz aus großer Höhe ein riskantes Unterfangen. Oder die Möglichkeit, beim Fallschirmsprung durch Adrenalin, Dopamin und Endorphine eine unglaubliche Erfahrung und wahres Glück zu empfinden. Klar, ein Extrembeispiel. Nicht jedermanns Sache – auch nicht meine. Doch wenn wir uns nicht zu sehr auf Risiken versteifen und den Fokus auf die daraus entstehenden Chancen legen, werden wir automatisch offener für Neuerungen. Und genau das passiert nun nach und nach, weil wir bzw. die Bevölkerung es muss.

Zurück zur Normalität = Dedigitalisierung?

Heißt die Rückkehr zur Normalität gleichzeitig auch die Abkehr von den in dieser Zeit angeeigneten Digitalkapazitäten, dem digitalen Mindset â la „remote treffen ist viel effizienter“? Ich hoffe nicht. Zumindest nicht vollständig. Klar, auch ich freue mich auf ein Wiedersehen mit Freunden, große Feiern, einfach mal einen Plausch bei der Kaffeemaschine auf der Arbeit! Doch auch wenn man ein soziales Wesen ist und bleibt, sollte man nicht aus den Augen verlieren, welche Vorteile die Digitalisierung, (mit Bedacht gewählte und angewandte) Medien und die damit verbundene Geschwindigkeit und Flexibilität bringen. Ich halte daran fest, dass ich nach wie vor gern mit Kollegen in der Firma konzentriert an etwas arbeite – und mich auch mal nebenbei an der Kaffeemaschine austausche, doch genauso habe ich in den letzten Jahren sehr die Flexibilität des Home Office oder Anywhere Offices schätzen gelernt.

Der Mix macht´s

Wie bei so vielen Dingen ist es die Mischung, die ein gesundes Verhältnis schafft. Wie dieser Mix idealerweise aussieht, muss jeder für sich selbst herausfinden. Ich kann deutlich konzentrierter zuhause arbeiten, wenn ich Texte durchforste, an Konzepten schreibe oder Angebote zusammenstelle. Es kommt nicht dauernd wer rein und hat noch ein „Wo ich Dich grade sehe…“ auf den Lippen. Dafür räumt die Katze alle paar Minuten irgendwo was ab oder der Paketbote steht vor Deiner Tür, weil er mittlerweile rausbekommen hat, dass Du meist zuhause arbeitest.

Doch auch wenn es mittlerweile viele Ansätze, teils sehr kreative und wirklich innovative Lösungen für das entfernte Halten von Workshops oder Webcasts gibt, ersetzt kein Tool und kein Gadget die menschliche Interaktion und die Reaktion im gleichen Raum. Workshops dürfen gerne vor Ort stattfinden, wo es sinnig ist, rein sachliche Präsentationen ohne „WOW!“-Effekt gern remote gehalten werden. Und so soll jeder das beste Verhältnis für sein produktivstes und glücklichstes Arbeiten und Leben definieren können. Quoten an Tagen im Home Office halte ich deshalb nur begrenzt zielführend, da manche ToDos eine Präsenz erfordern.

Lasst uns die gewonnenen Chancen der Digitalisierung nutzen und eine gesunde Hybridwelt mit echten Emotionen und Kontakten leben!

nugaxstruxi